Nilegroup-Festival 2011

Im Sommer 2011 entschlossen Johanna und ich uns kurzerhand noch einmal zum NGF nach Kairo zu fliegen. Dies vor allem im Hinblick darauf, dass die Lage in Ägypten stabil erschien und wir beide große Lust auf eine Wiederholung des Festivals hatten.

Dieses Mal ließen wir etwas Platz im Koffer für Einkäufe und waren auch psychisch mehr auf das Festival vorbereitet. Schon bei unserer Ankunft erfuhren wir von Ali, unserem Ansprechpartner vor Ort, dass letztes Jahr im November noch ca. 450 Teilnehmerinnen angemeldet waren, es dieses mal jedoch nur ca. 122 sein würden. Für uns bedeutete das vor allem kleinere Workshop-Gruppen. Eine Engländerin berichtete später, dass angeblich im April nur ca. 45 Teilnehmer anwesend waren.

Kairo

Kairo von oben

Johanna und ich buchten dieses Mal jeweils „nur“ 6 Workshops, um mehr Zeit für Ausflüge zu haben. Von unserem Hotel aus machten wir einen Spaziergang zum Kairo-Tower, von dessen Aussichtsplattform aus wir im Dunst sogar die Pyramiden sehen konnten. Der Rundum-Blick über Kairo war fantastisch.

Nachdem dieses mal auch keine Feiertage waren, konnten wir den Verkehr inklusive Staus in Kairo in allen Zügen und Facetten genießen! Für die Strecke von den Pyramiden bis in den Basar brauchten wir rund 2 Stunden!!! Da aber die Musik im Taxi super war und der Fahrer sehr nett haben wir das ertragen. Allerdings waren wir danach sehr erschöpft und durstig.

Pyramiden & Sphinx

Unser Ausflug zu den Pyramiden war an einem windigen Tag, wie man sehen kann. Wir entschieden uns für eine Kutschfahrt. Leider hatte das Pferd enorme Probleme, den Hang auf der spiegelglatt geschliffenen Teerstraße hinauf zu kommen. Vor Mitleid wären wir fast wieder ausgestiegen. Die Pyramiden beeindruckten uns natürlich enorm. Gleichzeitig fiel aber auch die enorme Aufdringlichkeit derHändler und Kamelbesitzer auf. Ich musste tatsächlich ein Mal sehr laut werden, weil für ein Foto mein Bakschisch als zu gering bewertet wurde. Der Typ wollte über 10 Euro dafür, dass ich von Johanna auf seinem Kamel fotografiert wurde – auf das er mich gegen meinen Willen gehievt hatte!
Unser Ausflug (Taxifahrt, Kutsche, Eintritt) war insgesamt noch recht günstig – wenn man die Preise vergleicht, die uns andere Festival-Teilnehmer nannten. Da wurden ernsthaft – nach der Verhandlungsphase – Beträge für eine halbe Stunde Kamelritt verlangt, die einen Facharbeiter-Stundensatz bei uns deutlich überschreiten.

Auch bei einigen anderen Gelegenheiten fiel uns auf, dass die Preise, die wir als akzeptabel bzw. sogar teils großzügig empfanden, vom Gegenüber nicht akzeptiert wurden. Da wurden plötzlich Summen für kleine Dienstleistungen verlangt, die uns den Atem nahmen und in keinem Verhältnis zur Leistung standen. Da immer noch relativ wenig Touristen nach Ägypten reisen, ist dies möglicherweise darauf zurückzuführen. Gleichzeitig waren viele Ägypter aber auch sehr nett und hilfsbereit. Im Basar hatten wir sogar das Gefühl, dass man zurückhaltender an die Kundschaft herangeht und weniger aufdringlich ist. So als hätte man die Befürchtung, die Kunden mit allzu heftiger „Werbung“ zu vergraulen.

Hängende Kirche

Wir besuchten mit der Metro auch das koptische Viertel. Dort angekommen stellten wir jedoch fest, dass dies keine so gute Idee war. Es wimmelte von Polizei und uns beschlich das Gefühl von gespannter Ruhe. Dieses Gefühl hatten wir nur an diesem Ort – sonst fühlten wir uns in Kairo immer sicher! Wir nutzten die Gelegenheit die gleich gebenüber der Metro liegende „Hanging Church“ zu besichtigen. Diese Bezeichnung verdankt sie ihrer Lage oberhalb des Eingangs zu einem römischen Fort, was optisch einen ‚hängenden‘ Eindruck vermittelte.

Tanoura-Tänzer

An einem Abend besuchten wir die Tanoura-Show in einer Seitengasse am Khan-el-Khalili Basar. Eine wirklich fantastische Show mit Live-Musik. Das sollte jeder Kairo-Besucher gesehen haben! Wir waren schon sehr frühzeitig dort, um definitiv einen Platz zu bekommen. Es war am Ende auch voll. Die Show ist unter freiem Himmel, daher empfiehlt es sich, warme Kleidung mitzunehmen – v.a. im November.


Das Festival

Die Wahl der Workshops ist beim NGF nicht so leicht. Zum einen wegen der großen Auswahl, zum anderen weil viele Lehrer bei uns nicht bekannt sind.

Workshop mit Khaled Mahmoud

Dieses Mal entschieden wir uns erneut für Mahmoud Reda aufgrund seines eleganten Stils sowie für Khaled Mahmoud, von dem Johanna 2010 bereits restlos begeistert war. Seine Shamadan-Choreografie wurde von ihr auf unserer Show 2011 getanzt. Er ist ein sehr humorvoller und strukturierter Lehrer. Sein Workshop war einfach fantastisch!
Außerdem wählten wir Hassan Saaber und Mohamed Kazafy, Hossam Abdel Ghany sowie ausnahmsweise getrennt voneinander Ousama Emam und Sameh El Dessouki. Einige Tänze werden voraussichtlich in unserer nächsten Show – Inshallah – zu sehen sein!

Die Workshops waren dieses Mal aufgrund der Teilnehmerzahlen recht angenehm. Am schlimmsten war erneut die Klima-Anlage. Erst wurde heftig geschwitzt, dann nonstop auf Kühlschrank-Temperatur runter gekühlt. Meine importierte Erkältung wurde dadurch nicht besser. In allen Workshops durfte gefilmt werden, CD´s waren ebenfalls erhältlich. Teilweise werden nun auch Video-Dateien mit auf die CD´s gebrannt, was man aber erst zu Hause feststellt.

Auffällig war, auch nach Gesprächen mit anderen Teilnehmerinnen, dass wohl in vielen der Workshops recht moderne und schnelle Musik verwendet wurde und die Choreografien hektisch bzw. technisch sehr vollgepackt waren. Der Trend „schneller-höher-weiter“ scheint nun auch in Kairo angekommen zu sein. Umso schöner, dass es noch Ausnahmen gibt wie z.B. K. Mahmoud, M. Reda, M. Kazafy, um nur die zu nennen, die wir genossen haben.

Die Opening-Gala mit Khaled Mahmoud, Tito, Camelia und Liza Laziza war sehr kurzweilig und unterhaltsam – wenn man von den Kühlschrank-Temperaturen absieht. Die männlichen Tänzer waren unserer Meinung nach jedoch ausdrucksstärker. Camelia tanzte fantastisch, aber uns fehlte die Ruhe und Gelassenheit, die wir bei vielen orientalischen TänzerInnnen doch auch erleben durften. So z.B. bei Liza Laziza, bei der mir allerdings der Publikumskontakt etwas fehlte.

Bufett-Dekoration

Das Buffet (bei der Opening Gala inklusive) war übrigens sehr üppig und lecker! Schade, dass nur so wenige Leute anwesend waren und es immer weniger Zuschauer wurden, je später die Zeit fortschritt. Da die Shows insgesamt sehr lange dauern und man ja auch tagsüber Workshops und Besichtungs-Programm hat, gibt es irgendwann einen Punkt, wo man einfach nicht mehr kann.

Die Teachers-Party war sehr abwechslungsreich. Es gab dieses Mal viel Folklore von diversen Ensembles zu sehen, teils sehr gut, teils etwas kitschig für unseren Geschmack. Interessant für uns waren manche Farbkombinationen von Kostümen sowie teilweise deren sichtbar schlechte Verarbeitung bzw. Behandlung (herabhängende Fäden, schlecht geschlossene Klettverschlüsse…). Auch choreografisch gab es einiges, was wir sehr ungewöhnlich fanden.

An mindestens einem Abend gibt es traditionell eine Tanzparty, auf der die Festival-Teilnehmerinnen mit CD oder Live-Musik tanzen können. Es gab einige sehr überzeugende Tänzerinnen mit Ausstrahlungskraft, aber auch viele, die technisch gut tanzen, wo aber bei mir als Zuschauer persönlich nichts ankam. Dennoch herrschte insgesamt ein hohes Niveau und es ist eine gute Möglichkeit für Tänzerinnen sich zu präsentieren. Aufgrund der Fülle der Auftritte – auch an den anderen Abenden – bleiben allerdings nur absolute Highlights hängen. Man könnte das ganze Festival übrigens auch als „Overflow“ fürs Auge bezeichnen. 😉

Die Competition (der Wettbewerb) war dieses Mal im Vergleich zum Vorjahr deutlich kürzer und so konnten wir nicht nur Wettbewerbsteilnehmerinnen zu Live-Musik erleben, sondern auch die Prämierung. Hut ab vor den Tänzerinnen, die mit Orchester getanzt haben! Was man deutlich sehen konnte waren die Unterschiede zwischen getanzten Choreografien und „gelebten“ Tänzen. Mir wurde mal wieder sehr klar vor Augen geführt, dass es nicht reicht, technisch gut zu tanzen. Es braucht Persönlichkeit und Seele – um eine kleine Annäherung an dieses Thema und meinen persönlichen Eindruck zu versuchen. Und so haben mich am meisten die Tanzlehrerinnen in Jeans und T-Shirts berührt, die nach der Competition während der Auswertungspause auf die Bühne sprangen und einfach aus dem Bauch raus tanzten! Das war Genuss pur! Und da finde ich den Begriff „Bauchtanz“ ehrlicherweise sogar sehr gerechtfertigt!

Fazit
Es war inspirierend, aufregend, spannend, lehrreich und exotisch. Es war toll, unseren Lieblingskellner Mahmoud wieder zu treffen, nette Leute kennen zu lernen und sich schon etwas auszukennen. Ich habe v.a. die Live-Orchester sehr genossen, weil ich mich seit letztem Jahr noch mehr mit der orientalischen Musik beschäftigt habe und mein Blick sowie mein Ohr viel geschärfter waren. Wir haben tolle Choreografien mitgenommen und ein bisschen ägyptisches Lebensgefühl genossen.

Im Flugzeug waren Johanna und ich trotz unserer Müdigkeit absolut inspiriert und haben uns vor Ideen für unsere Show 2013 – so es denn eine geben wird – fast überschlagen. Und wer weiß, vielleicht war es nicht das letzte Mal, dass wir auf dem NGF waren?!

Claudia, 25.12.2011