Nilegroup-Festival 2010

Die Entscheidung

Gamila aus Ingolstadt berichtete mir bei einem Workshop im Frühjahr 2010 vom Nilegroup-Festival (NGF) in Kairo. Sie war mit ein paar Schülerinnen dort gewesen und allen hatte es sehr gut gefallen. Vor allem hatte man das ägyptische Tanzgefühl spüren können, sowohl in den Workshops als auch bei den abendlichen Shows. Und das machte mich sehr hellhörig.

Ich erzählte Johanna davon und diese war sofort interessiert. Nach meiner Recherche im Internet war klar, dass für uns der beste Reise-Zeitpunkt im November lag. Das NGF wird 4 x jährlich mit wechselnden LehrerInnen durchgeführt . Auf der Website www.nilegroupfestival.com kann man sich über die Termine sowie alles andere informieren. Nach kurzer Abklärung, ob wir beide Urlaub bekommen können, buchte ich schon die Flüge.

Das Festival

Das Pyramisa-Hotel, in dem die Workshops sowie die Abendveranstaltungen stattfinden, liegt in einer kleinen Nebenstraße in der Nähe des Nils. Fotos davon gibt es auf der Website des NGF. Wir waren mit Zimmer, Frühstück, Essen, Service und Freundlichkeit sehr zufrieden. Es gibt verschiedene Restaurants im Haus: neben dem üblichen Hotel-Speisesaal kann man in einem Bistro Kleinigkeiten wie z.B. Pizzas, Sandwiches, Mezzes oder Nudeln einnehmen, oder im angrenzenden arabisch-indisch-italienischen Restaurant frisches Essen zubereiten lassen. Alles in einem finanziell erschwinglichen Rahmen und auch sehr lecker. Außerdem gibt es noch die Shisha-Lounge und die Bar mit abendlicher Livemusik. Am ersten Abend konnten wir dann auch noch eine ägyptische Hochzeit mit Live-Musik erleben.

Trotz Gamilas Informationen und ihrer Hilfe waren wir nicht wirklich auf das vorbereitet, was auf uns zukam. Von überall aus der ganzen Welt kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Wir lernten sehr nette Frauen kennen und haben interessante Gespräche geführt. Aus Deutschland waren wir insgesamt etwa 10-12 Leute – aus Stuttgart, Berlin, München, Straubing und Regensburg.

Für uns doch etwas überraschend waren die Asiatinnen deutlich in der Überzahl. Leider musste ich auf diesem Festival mein Bild von den höflichen und zurückhaltenden Asiatinnen revidieren. Sicher waren nicht alle so, aber durch das egoistische, rücksichtslose Verhalten von verschiedenen Klein-Gruppen kam immer wieder Unmut auf. Dies wurde uns übrigens auch von Teilnehmerinnen anderer Länder berichtet, wenn man sie nach ihren Eindrücken und Erfahrungen befragte. Im Verlauf der Woche ging uns jedoch auf, dass die meisten kein Wort Englisch verstehen und sie von ihren Reiseführern wohl entsprechend instruiert wurden. Beispiele? Am Ende eines Workshops kann man von einem Helfer des Dozenten die Workshop-CD erwerben. Die jungen Frauen drängelten sich von hinten unter unseren Achseln durch, um dem Helfer dann die CD zu entreißen, bevor man selber nach dem Preis fragen konnte. In vollen Workshops wurde man gnadenlos überrannt, wenn man nicht schnell genug vom Platz kam. Rücksicht auf die Tanz-Nachbarin wurde nicht genommen. Auch bei den abendlichen Shows gab es immer wieder vergleichbare Szenen zu sehen. Leider!

Im Hotel gab es auf 2 Stockwerken einen großen Kostüm-Basar. Die Auswahl war riesig und es wäre mir extrem schwer gefallen, eines auszusuchen. Gott sei Dank wollten wir nur ein paar Münzgürtel sowie Trommeln einkaufen. Der neueste Schrei waren zu diesem Zeitpunkt BH-Hartcover-Schalen aus Plastik (wie die Behälter von Fastfood-Essen) – der Anblick dieser Teile war schon der Hammer. Unser Eindruck war, dass die Geschäfte der Händler leider nicht sonderlich gut liefen, obwohl viele Frauen immer wieder an den Basarständen stöberten.

Die Festival-Organisation ist für ägyptische Verhältnisse sehr gut. Ali fungiert als netter und sympathischer Ansprechpartner für die Teilnehmerinnen. Außerdem gibt es das täglich geöffnete Festivalbüro, in dem alle Fragen beantwortet werden. Über Beach-Tours kann man auch geführte Touren verschiedenster Art buchen. Wir wollten jedoch die Stadt auf eigene Faust erkunden und sparten uns diese doch recht teuren Investitionen. Da ich bereits 2004 in Kairo war, traute ich uns zu, ohne Führer auszukommen.

Das Abendprogramm

Ohne den Tipp von Gamila, Schals und warme Kleidung für die Abend-Shows mitzunehmen, wären wir vermutlich erfroren. Für die Ägypter gibt es wohl nur Klima-Anlage an oder aus. Und „an“ bedeutet definitiv Kühlschrank-Temperaturen. Dies übrigens nicht nur im Veranstaltungssaal sondern auch in der Hotel-Lobby oder im Restaurant.

Meet the Teachers

Am Abend vor der Opening-Show gab es ein „meet the teachers“ mit der Möglichkeit, den anwesenden LehrerInnen Fragen zu stellen. Es wurde zum ersten Mal durchgeführt und wirkte auf uns entspannt familiär. Da die gesamte Konversation in Englisch lief war es aber auch etwas anstrengend. Eine Teilnehmerin wetterte gegen Tribal und Fusion – nur der authentische (ägyptische) Tanz sei das Wahre! Wenn ich die Antwort von ägyptischer Seite richtig verstanden habe, wird dies dort gar nicht so eng gesehen, sofern es nicht als ägyptischer Tanz verkauft wird.

Es gab nach anfänglicher Schüchternheit verschiedenste Fragen an die anwesenden LehrerInnen und zum Schluss wollten diese von den Teilnehmerinnen wissen, was sich in den einzelnen Ländern so tut. Neben den Themen Tribal und Fusion sowie Lernen bei orientalischen LehrerInnen kam auch die Rede auf die Problematik in Deutschland, wo man bereits nach kurzer Zeit anfängt zu unterrichten. Angeblich gäbe es dies so extrem in keinem anderen Land?! Für mich stellt sich die Frage, ob nur orientalische LehrerInnen gut unterrichten können und in anderen Ländern schon von Haus aus gut ausgebildete LehrerInnen vorhanden sind, sodass man gar nicht erst bei „Anfängerinnen“ lernen muss.

Die Opening-Show war rappelvoll. Ich hatte von einer Taiwanesin die Information, dass im April die Show erst gegen Mitternacht losging und auch das Buffet erst sehr spät eröffnet wurde. So sind wir erst um 22.30 Uhr in den Saal und da war bereits alles besetzt. Wir mussten regelrecht einen Stuhl erkämpfen. Eine große Traube Teilnehmerinnen lauerten bereits mit gezückten Kameras vor der Bühne. Das Abendprogramm startete mit dem ägyptischen Tanzstar Asmahan. Sie kam an einer Stange hängend mit Männern in Neandertaler-Outfit auf die Bühne. Und wie eine Teilnehmerin bereits angekündigt hatte entledigte sich Asmahan in fast jedem Stück irgendwelcher Kleidungsstücke. Die Performances der Stars waren großartig inszenierte Shows mit jeweils eigenem Live-Orchester.

Auf den sog. Dance-Parties, eine davon die Teachers-Party sowie freie Tanzabende, an denen die Teilnehmerinnen mit CD oder Live-Orchester tanzen konnten, war insgesamt weniger los und wir bekamen meist recht gute Plätze. Auf beiden Seiten des Saals waren sicherheitshalber auch jeweils Leinwände aufgebaut für eine Live-Video-Übertragung. Erst bei der Competition (Wettbewerb) am Freitagabend wurde es wieder voller und die Asiatinnen stellten die überwiegende Mehrheit der von uns gesehenen Wettbewerbsteilnehmerinnen. Die Tänzerinnen aus dem Ostblock tanzten durchweg technisch sehr gut, ja eigentlich sogar perfekt. Akrobatik pur und alle sehr hübsch mit fantastischen, langen Haaren, die sie auch ausreichend im Tanz in Szene setzten. Eine Teilnehmerin meinte jedoch irgendwann: was würden die Tänzerinnen denn tun, wenn man ihnen die Haare abschneidet? Bis zum Ende haben wir übrigens nicht mehr durchgehalten, da uns um 3 Uhr morgens die Augen schon zugefallen sind. So erfuhren wir dann erst aus dem Internet, wer gewonnen hat.

Auf der Teachers-Party tanzten auschließlich LehrerInnen und man konnte so auch die verschiedenen Stile kennenlernen. Es gab übrigens sehr viele Männer wie z.B. Mayodi, Tommy King, Prince Kayamer, Khaled Mahmoud, um nur einige zu nennen, die auf der Bühne tanzten. Die Closing-Gala am Sonntag konnten wir wegen unseres Rückflugs am Samstag leider nicht mehr besuchen.

Die Workshops

Mahmoud Reda

Mein persönliches Highlight war Mahmoud Reda, der aufgrund seines fortgeschrittenen Alters zwar selber nicht mehr alles tanzen konnte, aber dafür tolle Vortänzerinnen auf der Bühne hatte. Er studierte mit uns eine traumhaft elegante Choreografie ein. Sein Stil wirkt so leicht und schwebend, aber seine Schrittkombinationen sind sehr ungewöhnlich und nicht so leicht wie sie aussehen.

Farida Fahmy

Auch Farida Fahmy beeindruckte mich sehr. Sie sagte, dass die Ägypter ein Volk sind, das mit dem Nil lebt und so würden sie auch tanzen – den Nil in sich spürend. Die Frau hat dazu noch richtig Humor, wenn auch mache Anwesenden davon nichts verstanden haben;-)) „You understand what I said? – Yes? – Oh no, I don´t think so!“

Khaled Mahmoud mit Johanna

Johanna war von Khaled Mahmoud absolut begeistert, was ich angesichts seines Auftritts im Abendprogramm durchaus nachvollziehen konnte.

Einige andere LehrerInnen waren von ihrem Stil her etwas gewöhnungsbedürftig, wie z.B. Dawlat. Ihre Choreografie im Stil der 40-er-Jahre, im Unterricht getanzt von Hossam Abdel Ghany war recht interessant, wirkte auf mich aber auch sehr derb und wenig elegant. Einige der Passagen könnte ich so in Deutschland nicht oder wenn dann nur mit entsprechender vorheriger Erklärung tanzen. Der von uns gebuchte und gespannt erwartete Trommel-Workshop wirkte auf uns fast etwas lieblos! Erklärungen zu den Rhythmen oder zur Spieltechnik gab es nur wenig. Wir spielten einfach so gut wie möglich nach, was vorgetrommelt wurde – was ja auch üblicher ist. Aber dennoch fehlte mir in dem Workshop leider der „Groove“!

Die Stadt

Nil

Hätte mir jemand im Vorfeld gesagt, dass man Kairo auch ohne Staus und Verkehrschaos erleben kann und die Geschäfte tagelang geschlossen sind, hätte ich laut gelacht. Aber es gibt solche Tage. Kairo war ab Montag wirklich wie ausgestorben, da das 5-tägige Fest „Eid al Adha“ gefeiert wurde und die meisten Geschäfte bis Freitag geschlossen waren. Bei diesem Opferfest wird dem Propheten Ibrahim (Abraham) gedacht, der nach muslimischer Überlieferung die göttliche Probe bestanden hatte und bereit war, Allah seinen Sohn Ismael zu opfern. Dieses Fest ist auch als Hammelfest bekannt und es werden unzählige Tiere geschlachtet. Sogar hinter dem Hotel konnten wir eine Schafherde entdecken.

Lokal im Basar

Da wir täglich Workshops gebucht hatten, fehlte uns die Zeit für ausführliche Besichtigungen der Stadt. Wir nahmen uns vor beim nächsten Mal – so es denn eines geben würde – die Workshops zu reduzieren. Dafür waren wir aber mehrmals im Basar und fanden ein Baladi-Kleid, das Johanna zu ihrem Shamadan von Khaled Mahmoud tragen konnte.

Unser Fazit

Als Tänzerin kann man auf diesem Festival viel lernen und man nimmt auf jeden Fall einiges an Inspirationen, Ideen und Eindrücken mit. Dennoch sollte man bereits über ausreichend tänzerische Erfahrung verfügen, da das Level dort insgesamt auf einem recht hohen Niveau ist. Es gibt viele junge Teilnehmerinnen, die Choreografien sehr schnell und gut nachtanzen können. Ich finde es auch sehr mutig, sich bei so einem Festival auf der Bühne vor arabischen Profis zu präsentieren und jede Tänzerin hat dafür meinen vollen Respekt.

Für uns beide waren die Tage in Kairo sehr intensiv. Wir haben einige gute Choreografien, viele Anregungen für Schrittkombinationen und vor allem eine Idee vom ägyptischen Tanzgefühl mit nach Hause nehmen können. Die Reise hallte fast 2 Wochen in uns nach und wir hatten beide den Eindruck, als wäre unsere Seele noch ein bisschen in Ägypten geblieben.

Claudia, 14.12.2011